Es schlägt zur vollen Stunde am Historischen Rathaus zu Köln – und der Platzjabbeck streckt dir seine Zunge raus. Nett ist das nicht und auch schön ist anders, wie er da unter der Uhr hängt mit seinen Glotzaugen, dem Schlapphut und dem Bart. Doch als eine der kuriosen Kölner Sehenswürdigkeiten und mit der bedeutenden Geschichte dahinter, verdient der Platzjabbeck Beachtung. Seit 1445 – und seit 1913 auch mit seiner beweglichen Zunge.
Um den Platzjabbeck ranken sich einige Geschichten, 100 % gesichert ist leider mangels historischer Belege keine. Doch alleine seine Positionierung hoch oben am Turm, zentral unter der Uhr, präsentieren Macht – und die hatten zu seiner Zeit die Kölner Gaffel …
Klare Ansage an die Patrizier – ein Deutungsversuch
Köln, Anno Domini 1396. Die 22 Kölner Gaffel – mittelalterliche Vereinigungen von Handwerkszünften und Bruderschaften – übernehmen die politische Macht in Köln und lösen die Patrizier – und damit das Prinzip einer Herrschaft durch eine vermögende Minderheit ab. Die Installation des Platzjabbeck im Jahr 1445 sowie die Tatsache, dass der Rat der Stadt die Holzskulptur bezahlte, legen einen Zusammenhang und eine Verspottung der Patrizier nah. Damals verfügte der Platzjabbeck allerdings nicht über den Zungenmechanismus, sondern lediglich über einen weit aufgesperrten Mund nach dem Prinzip: Mund aufmachen, sich wehren, sonst kriegst du oder veränderst du nichts. Eine Deutung, die man auch einer weiteren Kölner Skulptur-Berühmtheit nachsagte: dem
Kallendresser.
In eine ähnliche Richtung geht auch die beim Platzjabbeck mehrfach zitierte Sage um Karl den Großen, der seinerzeit seine drei Söhne aufforderte, ihren Mund zu öffnen, um jedem ein Apfelstück in den Mund zu legen – als symbolische Aufteilung des Erbes, nämlich seines Reiches.
Exkurs: der letzte erhaltene Verbundbrief von 1396 in Köln
Der Machtwechsel in Köln um 1396 markierte eine bedeutsame Veränderung in der Stadt, der durch einen Verbundbrief besiegelt wurde, der ab dann rund 400 Jahre in Kraft blieb und verhinderte, dass nur einige wenige Familien die Macht in der Stadt hatten und die Mitbestimmung breiterer Bevölkerungsschichten ermöglichte. Einst gab es 23 Ausführungen des Verbundbriefs – je einen für die 22 Gaffeln sowie für den Rat. Neun haben die mehr als 600 Jahre überlebt – bis zum denkwürdigen Tag im Jahr 2009, als das Kölner Stadtarchiv einbrach, wo sich vier Exemplare befanden. Ein letztes unversehrtes Kölner Exemplar des bedeutsamen Verbundbriefs existiert noch: schau es dir im
Kölner Stadtmuseum an.
Die anderen vier liegen im Nordrhein-Westfälischen Hauptstaatsarchiv in Düsseldorf, im Allgemeinen Reichsarchiv in Brüssel, in der École Nationale des Chartes in Paris sowie in der British Library in London.